Männer sind Stiere

NEUES  DEUTSCHLAND vom 9.06.2004

Männer sind Stiere
Die deutsch-polnische Studiobühne spielt von Różewicz „Die weiße Ehe“
Matthias Busse


Berlin hat eine neue Spielstätte. Das Teatr Studio am Salzufer liegt etwas versteckt in einem Charlottenburger Gewerbegebiet. Das macht aber nichts. Denn Besuche fängt der Intendant persönlich auf der Straße ab. Mit fliegendem weißen Haar und mit großer Geste weist Olav Münzberg jedem einzelnen den Weg über den Hof. Aus Rücksicht auf verspätete Zuschauer beginnt die Vorstellung eine viertel Stunde später. Der Weg und das Warten lohnen sich aber.
 Obwohl diese Studiobühne mit nur 50 Plätzen von Schülern der 2002 gegründeten Transform Schauspielschule bespielt wird, ist die Aufführung professionell. Das Eröffnungsstück „Die weiße Ehe“ des polnischen Dramatikers Tadeusz Różewicz erfordert nicht nur beim Publikum Sitzfleisch, sondern auch bei den jungen Darstellern etwa drei Stunden Textsicherheit: Die meistern das so bravourös, dass sie sich ganz auf ihr Spiel verlassen können.

Die Hauptlast liegt bei den beiden Protagonistinnen Bianca (Sabine Eitel).  und Paulina (Vanessa Rose). Die beiden Schwestern haben eine ganz unterschiedliche Sicht aufs Erwachsenwerden. Bianca, die demnächst heiraten soll, kann sich mit ihrer Rolle als Frau  nicht anfreunden und ekelt sich sowohl vor ihrem Körper als auch vor Männern. Angesichts eines wie ein Stier verkleideten Vaters  (Oliver Schindler) und eines Lustgreises als Opa  (Ivo Sachs) scheinen ihre Sorgen verständlich. Paulina als die jüngere Schwester wehrt sich gegen Zudringlichkeiten mit Koketterie. Die Männer glauben von ihr das Gewünschte zu bekommen, ohne dass sie ihre Würde aufgeben muss. Während die Ältere sich in langen Nächten den Kopf über die Zukunft zermartert, genießt der junge Vamp bereits amüsiert die Früchte seines Tuns in Form von geschenkten Pralinen. Den beiden Teenagern stellte Różewicz zwei erwachsene Frauengestalten gegenüber, die den Mädchen als Vorbild dienen: Ihre Mutter (Franca Merkel), die mit ihrem Schicksal als Ehefrau hadert und die Tante (Natalia Herrera-Köhler), die sich von den Männern nimmt, was sie haben möchte..

 Die Inszenierung in der Regie von Janina Szarek, der Choreografie von Dzidek Starczynowski und der Dramaturgie von Olav Münzberg gleitet nie ins Vulgäre ab und erliegen  nicht der Versuchung von Effekthascherei. Zwar gibt es auch nackte Körper zu sehen, aber diese dienen nicht der Fleischbeschau, sondern verdeutlichen die Handlung. Das Stück ist Programm für das Theater. Es versteht sich als deutsch- polnische Studiobühne, die polnische Werke vorstellen möchte.
Janina Szarek, in Polen eine bekannte Schauspielerin, arbeitete seit 1981 unter anderem an der Berliner Volksbühne. Sie wie Dzidek Starczynowski, international gefeierter Pantomime und 1988 Mitbegründer des damaligen Theaters am Ufer, scheinen für dieses Unterfangen berufen zu sein. Szarek will darüber hinaus die Berliner mit der polnischen Art der Studiobühne bekannt machen. Der Auftakt ist gelungen.

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