„Der Krieg ist das Verbrechen“

„OSSIETZKY“, Hannover, Nr 4 (151), 2009
Zweiwochenzeitschrift für Politik und Kultur

„Der Krieg  ist das Verbrechen“ . Jochanan Trilse-Finkelstein

Zwei freie Theatergruppen in Berlin befassen sich mit dem leider immer noch und immer wieder aktuellen Thema  Krieg: das deutsch-polnische Teatr Studio, geleitet von der Schauspielerin und Regisseurin Janina Szarek und dem Philosophieprofessor Olav Münzberg in Zusammenarbeit mit dem Regisseur Horst Ruprecht, der an der Transform- Schauspielschule lehrt; Titel des Abends am Salzufer „O Krieg, Du Sohn der Hölle“ (nach einem Shakespeare Vers). Und die Berliner Company  in Kreuzberg mit „Die Verteidigung Deutschlands am Hindukusch“ nach der bösartigen Phrase eines leidlich bekannten Politikers einer fast schon vergessenen Partei, die sich von dem historischen Sündenfall der Kriegskredite  von 1914 niemals erholt hat (schlag nach bei Tucholsky, der das aber noch zu harmlos sah); der Politiker namens Struck  kämpft übrigens nicht in den kalten Bergen des Hindukusch, sondern sitzt im warmen Reichs-Bundes-Tag und trinkt seinen Kaffee dort. Gegen den Krieg, in den er deutsche Soldaten schickt, kämpfen die beiden Theatergruppen.

Die am Salzufer arbeitet mit hohen Ansprüchen. sie wählte Stücke von besonderem Format wie Ausmaß: Shakespeare „Heinrich VI.“ (drei Teile, gewaltig eingestrichen, auf eine Frage konzentriert) und „Die Troerinnen“ des Euripides in einer Übersetzung von Sartre und Hans Mayer, stark gekürzt und hochpolitisch. Man stelle sich das vor: Die 280 Druckseiten der Originalfassung des“Heinrich VI“ und die 80 Seiten der „Troerinnen“ ergäben eine Schauspieldauer von 8 bis 10 Stunden, etwa wie bei Peter Stein. Bei Ruprecht sind das weniger als drei Stunden.

Nun ist Streichen und Bearbeiten nichts Neues im Theater, oft ist es notwendig. Früher waren die Stücke meist noch zu erkennen. Die Mode des totalen Bearbeitens bis zur Unkenntlichkeit kam erst in der letzten Generation auf, der des sogenannten Regietheaters. Man will etwas anderes, als in den Stücken steht, heraus kommt meist Schlechtes.
Hierfür gilt: schreib Dir ein neues, eigenes Stück für die eigene Aussage. Oder Peter Hacks‘ Dictum : Man kann Shakespeare bearbeiten, wenn man es kann! Die meisten können es nicht.

Ruprecht kann es auf seine eigene Weise. Angeregt durch Giorgio Strehlers Inszenierung der Shakespeare- Dramen über die Rosenkriege („König Heinrich IV“ bis „VI“, „Richard II“ und „III“ aus den Jahren 1948 bis 1975) sowie die Palitzsch-Produktionen der späten Sechziger bringt er als Grundidee die Schrecken des Krieges über die Rampe, den mörderischen Kampf der  Parteien  des Hochadels (Rote und Weiße Rose), dem die meisten Lancasters und Yorks selbst  zum Opfer fallen, bis die Tudors  1485 die Macht des Königtums gefestigt haben. Am stärksten trifft es allemal das Volk. Doch diese Szenen fehlen. Als Ersatz lässt  er  „Die Troerinnen “ spielen. Andromache, Hekuba und Kassandra (Tatjana Albrecht, Eva Kölling, Anja Schlüter) zeigen das Leiden der Opfer. Auffällig: Frauen spielen Männer-Rollen, theatergeschichtlich unüblich; umgekehrt galt es früher als Norm.Solistisch zu nennen sind noch Lorenz Eiche als Heinrich VI, und griechischer Soldat, Fares Bouattoura als York und Menelaos, besonders Nicolas Krüger in vielen Rollen, vor allem als Spielleiter und Maestro der Musik. Furios auf kleiner Fläche die Kampf–und Fechtszenen  (einstudiert von Karlheinz Bauer). Im Hintergrund steht  ein Gerüst, rechts oben ein schiefer goldangestrichener Stuhl: der Thron: Auf den wollen viele, kommen an als Leichen! Am Ende steht bereits Richard Gloster, bekannt als der Dritte, bereit (ausgezeichnet David Matla). Die jungen Mimen agieren außerordentlich beteiligt, meist diszipliniert, sehr lautstark, was nicht immer nötig ist. Vorsicht  mit den jungen Stimmen!

Nicht  ganz so jung, doch nicht minder kräftig und entschieden die fünf Spieler  der seit  1978 agierenden Compagnie (Warning, Menzel, Fries, Jost, Wendt) unter Regie  von Elke Schuster.

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